Ein Fund aus dem Walter-Benjamin-Archiv

Die Signatur WBA Ms 488 des Walter-Benjamin-Archivs bezeichnet ein handbeschriebenes Dokument mit einer Größe von nicht mehr als 10 x 15 cm. Benjamin hat einen an ihn gerichteten Brief (vermutlich von Milly Levy-Ginsberg) in vier Teile zerschnitten und die unbeschriebenen Rückseiten für eigene Aufzeichnungen genutzt: ausformulierte und revidierte Gedanken bzw. Thesen sowie fragmentarische Notizen zu seinem nicht wenig bedeutsamen letzten Text Über den Begriff der Geschichte.1 Dreht man das vorliegende Blatt um, so lässt sich sein ursprünglicher Gebrauchskontext als Briefpapier noch deutlich erkennen.2 Der Name des angesprochenen Empfängers der Zeilen ist nur entstellt lesbar: „[xx]njamin!“. Die Rede ist wohl von einem geschickten „[M]anuskript“ und einer aufgehobenen „Zeitung“. Mehr lässt sich aus diesem Rest einer scheinbar alltäglichen Mitteilung nicht entnehmen. Womöglich geht es hier um Benjamins verstreutes Archiv, die Verwahrung und Sicherung der vielen Schriften durch seine Freunde. Von der verblassten Handschrift des Absenders hebt sich jedoch eine Notiz jüngeren Datums in Versalien ab: Entwürfe für Anagramme, die Benjamin – wohl ausgelöst von der abgeschnittenen Briefanrede3 – mit seinem Namen auf dem Zettel spielerisch inszeniert. Die fremdartig klingenden Rekombinationen der Vokale und Konsonanten muten wie Übersetzungen in andere Sprachen, etwa ins Englische, Französische oder Arabische an: J.A. BENIM, JE MABINN, ME BINN, MI BENN. Die Buchstaben füllen den leeren Raum über dem Brieftext komplettierend aus und sind so auch als eine späte Antwort oder als erneuter Dialog lesbar.

     Wie Gershom Scholem berichtet, hatte Benjamin Zeit seines Lebens eine Vorliebe für Anagramme.4 Rätsel, Denkaufgaben und Sprachspiele, die Benjamin publiziert, in Briefen und Papieren untergebracht hat und die allein bruchstückhaft überliefert sind, erscheinen nur dem flüchtigen Betrachter als sekundär: diese ‚kleinen Formen‘ zeugen von der Spielfreude ihres Verfassers, der Lust an Sprachklang, Wortwitz und somit auch dem Interesse an sprachtheoretischen Fragestellungen.5 In seinem Trauerspielbuch konstatiert Benjamin, im Anagramm „stolziert das Wort, die Silbe, und der Laut, emanzipiert von jeder hergebrachten Sinnverbindung, als Ding, das allegorisch ausgebeutet werden darf“6. Rätsel sind für Benjamin nicht abgeschlossene Bruchstücke; sie verlangen nach einer Lösung, regen den Verstand an und machen es so möglich, eingeübte Muster zu verlassen und Begrenzungen zu sprengen.7 In mehreren Aufsätzen benutzte Benjamin anagrammatische Pseudonyme wie Anni M. Bie oder Jann Beim; im Exil wollte er seine Arbeiten mit dem Pseudonym O.E.TAL zeichnen, der Umkehrung des lateinischen lateo („ich bin verborgen“), um sich unkenntlich zu machen.8 Seine poetologischen Namensrätsel geben damit zugleich den Blick auf die historisch-politische Gegenwart ihrer Entstehung frei.

     Warum hat Benjamin den Brief einer Freundin zerschnitten? Die rückseitigen Aufzeichnungen Über den Begriff der Geschichte sind zwischen Februar und März 1940 nach Benjamins Internierung auf der Flucht durch Frankreich und unter dem Eindruck des Hitler-Stalin-Paktes vom August 1939 entstanden; die Notate sind Ausdruck eines Denkens am Rande des Abgrunds, einer existentiellen und politischen Krisensituation.9 Benjamin versuchte aber auch unter den widrigsten Umständen noch schreiben zu können. Die ökonomische Not im Exil zwang ihn dazu, alles (wieder) zu verwenden, was er besaß: neben Briefen auch Postkarten, Einladungen zu Rezensionen, Bibliotheksformulare, Fahrscheine, Vordrucke, Werbezettel und Rezeptblöcke, auf denen er scheinbar beiläufig sein Werk ‚hingekritzelt‘ hat.10 Die Zerteilung des Briefes ist somit vornehmlich pragmatischen Zwecken geschuldet. Ein Grundzug der Benjaminschen Schreibarbeit wird hier aber zugleich sichtbar: die Vorliebe fürs Kleine und Unscheinbare. Nicht nur die Kleinform des Rätsels bzw. Anagramms und der These, sondern auch die winzige Handschrift und das Zettel-Format zeugen davon.11 Benjamins Ästhetik des Kleinen zielt aufs Einzelne, das „in sich die Miniatur des Ganzen trägt“12, in dem der „Kristall des Totalgeschehens“13 zu entdecken ist.

     Der kleine Zettel kommt so als Textzeuge der ‚großen Geschichte‘ in den Blick wie sie Benjamin drastisch persönlich erfahren hat und in den vorliegenden Notizen begrifflich zu fassen sucht. Sein Schreiben ist nicht allein Ausdruck, sondern materiale Realisation seines Denkens: der körperliche Vollzug im Schreibakt entspricht einer lebenspraktischen, nie abgeschlossenen Schreibarbeit14, einer „unendlich verzettelten Produktion“15, die selbst Geschichte ist. Gemäß Benjamins Ethos des Sammelns muss das heute im Archiv befindliche Dokument in seiner Materialität als „Schauplatz“ von Geschichte, als „Theater“ seines Schicksals beschrieben und analysiert werden.16 Die Aufzeichnungen auf der Rückseite des zweckentfremdeten Briefpapiers kreisen um eben jenen katastrophalen geschichtlichen „Ausnahmezustand“, der im Leben gar die „Regel“ darstellen soll.17 Benjamin entwirft in den Thesen angesichts der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts auf der Flucht einen Begriff von Geschichte, der fragmentiert, diskontinuierlich und lückenhaft ist, der sich einer (narrativen) Kontinuität und Kausalität verwehrt, indem er dem Vergessenen und Nicht-Realisierten eingedenk bleibt; nur so kann in der jeweiligen Gegenwart (nicht nur des Historikers) ein revolutionärer Umschlag stattfinden.18

     Die Geschichte des unscheinbaren Stücks Papier mit der Signatur Ms 488 aus dem Frankfurter Nachlassteil, der heute in Berlin lagert, kann aus der Perspektive des archivarischen Schauplatzes selbst als fragmentarisches, allegorisches Zeugnis im Sinne des Benjaminschen Geschichtsbegriffs gelesen werden. Diese Erzählung wäre notwendigerweise voller Lücken und Fragezeichen, doch beharrt sie auf ihrer Mitteilbarkeit: Sie beginnt mit einer brieflichen Ansprache Benjamins, über deren Absender/in nur noch gemutmaßt werden kann. Die Namen beider sind entstellt. Eine ursprüngliche Löschung kennzeichnet dieses Stück Geschichte, doch auch die Suche nach dem Dialog (im Brief) und ein Anarbeiten gegen das Vergessen (der Benjaminschen Schriften): die „Zeitung“ und das „Manuskript“ werden hier selbst die medialen Akteure einer Archivierung und eines Übersetzungsprozesses für die Zeit einer postalischen Mitteilung. Doch irgendwann nimmt Benjamin die Schere in die Hand. Die Zerstückelung und Verkleinerung des Briefbogens bringt vier neue Dokumente hervor. Die Schnitte sind gleichsam Spuren gewaltsamer Erfahrungen von Flucht und Exilierung. Ein Viertel des Blattes ist verschwunden. Auf den drei weißen Rückseiten wird nun die Geschichte im wörtlichen wie übertragenen, philosophisch-theoretischen Sinne fortgeschrieben. Dazwischen entsteht nebenher ein Anagramm, gleich vier Pseudonyme, die an die zerschnittene Anrede anschließen: Der Name BENJAMIN wird buchstäblich zur Mimikry – aufgelöst, verborgen, verzerrt, verkürzt und übersetzt. Die Umschrift ist ein kleiner Akt der ‚Befreiung‘ des Autors auf der Flucht, im magisch-sinnentleerten Sprachspiel. Die experimentelle Arbeit am Namen ist gleichermaßen eine Allegorie des „Ausnahmezustands“ und dessen Bewältigung, im Anschreiben gegen den Tod, im „Kampf gegen den Faschismus“ – als Schriftsteller einer anderen, ungeschriebenen Geschichte.

     Im Abseitigen einer zerstückten Briefrückseite verbirgt sich – marginal wie das Anagramm – ein gewichtiger Auftrag: „,Würdigung‘ ist Einfühlung in die Katastrophe / Geschichte hat nicht nur die Aufgabe, der Tradition der Unterdückten habhaft zu werden sondern auch sie zu stiften“. Auch Benjamin zählt zu dieser „Tradition der Unterdrückten“. Der Zettel mit einem der letzten Texte legt ein Zeugnis ab von jener Katastrophe. Ms 488 ist eine enigmatische Chiffre. Die Aufgabe des Archivars und Interpreten wäre somit ein notwendiges ‚Fehllesen‘ der überlieferten Dokumente, ein minutiöser, archäologischer Blick selbst aufs Winzigste, die unscheinbarsten Reste. Auch so kann Geschichte „habhaft“ gemacht und gestiftet, Benjamin gewürdigt und erinnert werden. In einem mit Ausgraben und Erinnern überschriebenen Fragment bemerkt Benjamin:

Wer sich der eignen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muß sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Vor allem darf er sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen – ihn auszustreuen wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen, wie man Erdreich umwühlt. Denn ‚Sachverhalte‘ sind nicht mehr als Schichten, die erst der sorgsamsten Durchforschung das ausliefern, um dessentwillen sich die Grabung lohnt. […] Und der betrügt sich selber um das Beste der nur das Inventar der Funde macht und nicht im heutigen Boden Ort und Stelle bezeichnen kann, an denen er das Alte aufbewahrt. So müssen wahrhafte Erinnerungen viel weniger berichtend verfahren als genau den Ort bezeichnen, an dem der Forscher ihrer habhaft wurde.19

Die Schichten der Benjaminschen Papiere sind noch lange nicht durchwühlt. Auch die Geschichte des Archivs ist offen – sie wird womöglich eines Tages selbst ausgegraben.20

Abbildung 1:

Fußnoten:

1 „Würdigung“ ist Einfühlung in die Katastrophe / Geschichte hat nicht nur die Aufgabe, der Tradition der Unterdrückten habhaft zu werden sondern auch sie zu stiften / Die destruktiven Kräfte entbinden, welche im Erlösungsgedanken liegen / {Das Staunen darüber, daß im zwanzigsten Jahrhundert „so etwas“ noch möglich ist – dieses Staunen ist keineswegs ein philosophisches. Es steht nicht am Eingang einer Erkenntnis, es sei denn der, daß der Begriff von Geschichte, aus dem es hervorgeht, kein stichhaltiger ist.} [Nachträglich angefügt:] nicht haltbar / {Wir müssen zu einem Begriff von Geschichte kommen, nach dem de[r] Ausnahmezustand, in dem wir leben, die Regel darstellt. Dann wird als unsere geschichtliche Aufgabe die Herbeiführung des Ausnahmezustandes uns vor Augen stehen; und dadurch wird sich unsere Position im Kampf gegen den Faschismus sehr verbessern. Die Überlegenheit, die er gegen die Linke hat, findet nicht zuletzt ihren Ausdruck darin, daß ihm jene im Namen der historischen Norm, einer Art von geschichtlicher Durchschnittsverfassung entgegentritt.} Die Transkription folgt: Walter Benjamin: Gesammelte Schriften, Bd. I.3, hrsg. v. Rolf Tiedemann u. Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt/Main 1972–1989, S. 1246. Im Nachlass befinden sich zwei weitere Viertel dieses Briefs (WBA Ms 477 und Ms 481), die auf den Rückseiten ebenfalls (publizierte) Aufzeichnungen zu den Geschichtsthesen enthalten. Ich danke Ursula Marx vom Walter-Benjamin-Archiv für die freundliche Auskunft.

2 Vgl. die verkleinerte Abbildung 1 am Ende dieses Berichts.

3 Direkt über das kleine „n“ am Namensende setzt Benjamin ein großes, umrandetes „N“, von dem aus dieses Buchstabenexperiment vermutlich seinen Anfang genommen hat.

4 Vgl. Gershom Scholem: Walter Benjamin und sein Engel, in: Siegfried Unseld (Hrsg.): Zur Aktualität Walter Benjamins. Aus Anlaß des 80. Geburtstags von Walter Benjamin, Frankfurt/Main 1972, S. 87–138, hier S. 111. Dort auch weitere Bezüge zwischen den Anagrammen und dem Angelus Novus der geschichtsphilosophischen Thesen.

5 Vgl. Walter Benjamins Archive. Bilder, Texte und Zeichen, hrsg. v. Walter Benjamin Archiv, bearb. v. Ursula Marx, Gudrun Schwarz [u. a.], Frankfurt/Main 2006, S. 227.

6 Gesammelte Schriften, Bd. I.1, S. 381.

7 Vgl. Walter Benjamins Archive. Bilder, Texte und Zeichen, S. 230.

8 Vgl. ebd., S. 228f.

9 Vgl. Jeanne Marie Gagnebin: Über den Begriff der Geschichte, in: Burkhardt Lindner (Hrsg.): Benjamin Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart/Weimar 2006, S. 284–300, hier S. 285.

10 Vgl. Walter Benjamins Archive. Bilder, Texte und Zeichen, S. 32.

11 Vgl. ebd., S. 47.

12 Gesammelte Schriften, Bd. III.1, S. 51.

13 Gesammelte Schriften, Bd. V.1, S. 575.

14 Vgl. zum Aspekt der materialen Poetik ausführlich: Davide Giuriato: Benjamin, der Schreiber. Überlieferungskritische Überlegungen am Beispiel von ‚Ausgraben und Erinnern‘, in: Daniel Weidner, Sigrid Weigel (Hrsg.): Benjamin Studien 1, München 2008, S. 195–208, hier bes. S. 195–198.

15 Benjamin an Scholem, Februar 1935. Walter Benjamin: Gesammelte Briefe, Bd. V, hrsg. v. Christoph Gödde u. Henri Lonitz, Frankfurt/Main 1995–2000, S. 47.

16 Hier greife ich eine Formulierung Benjamins über die Methode des Sammlers auf: „[…] ein Verhältnis zu den Dingen, das in ihnen nicht den Funktionswert, also ihren Nutzen, ihre Brauchbarkeit in den Vordergrund rückt, sondern sie als den Schauplatz, das Theater ihres Schicksals studiert und liebt“. Gesammelte Schriften, Bd. IV.1, S. 389.

17 Vgl. Anm. 1 (Transkription).

18 Vgl. Gagnebin 2006, S. 284, 286–290, 298.

19 Gesammelte Schriften, Bd. IV.1, S. 400f.

20 Vgl. Giuriato 2008, S. 208, der treffend resümiert: „Im Falle von Benjamins nachgelassenen Schriften sollte der Literaturforscher gewissermaßen wie in einem guten archäologischen Bericht genau den Ort bezeichnen, an dem er des Dokuments habhaft wurde. Er wird dabei keine fertigen Texte, sondern allenfalls ‚Torsi‘ oder Bruchstücke von Texten finden. Benjamins kleine Theorie der Überlieferung und ihre Betonung von materieller Inventarisierung und Dokumentation machen klar, dass es nicht darum gehen kann, diese Fundstücke zu restaurieren, indem man sie etwa zu fertigen Texten herrichtet. Der überlieferungskritische Umgang, der sich an dieser reflektierten positi-vistischen Methode orientiert und der jenseits eines werkästhetischen Korsetts auf die Doku-mentation der Entstehungsprozesse und der archivarischen Materialität gerade nicht verzichtet, wird ganz neue Schichten in Benjamins Schriften entdecken.“

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